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Rückblick: Meine zeit am Lernort Erle

Über die Jahre habe ich in verschiedenen Institutionen mit Kindern gearbeitet – und oft gespürt: Hier fehlt doch etwas. Dann bekam ich die einmalige Chance, eine Karenzstelle als Hauptlernbegleiterin an einem bindungsbasierten Lernort in der Schweiz zu übernehmen.

Dort durfte ich erleben, dass es tatsächlich auch anders geht – und wie wohltuend dieser Unterschied ist:

  • weniger ungesunder Stress – mehr altersgerechtes Spiel
  • weniger hineinzwängen – mehr Einzigartigkeit
  • weniger Defizitfokus – mehr Beziehung & Bindung


Besonders wertvoll empfand ich die Struktur der Woche: Drei Tage verbringen die Kinder am Lernort, die übrige Zeit zu Hause im Homeschooling. Gerade sensible Kinder haben so die Möglichkeit, Eindrücke in ihrem eigenen Tempo zu verarbeiten. Die Schüler lernen altersgemischt, was eine besondere Dynamik schafft: Jüngere orientieren sich an den Älteren, während die Älteren Verantwortung übernehmen und ihr Wissen dadurch selbst vertiefen.

Der kleine Betreuungsschlüssel ermöglicht es den Lehrpersonen, echtes Interesse für jedes einzelne Kind zu entwickeln. Nicht Strafen, sondern Beziehung ist die Grundlage – und dadurch entstehen Räume, in denen Neugier, Selbstwirksamkeit und Vertrauen wachsen können.
 
Ein Begegnung ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Ein Schnupperkind, das damals eine internationale Privatschule in Basel besuchte, meinte nach seinem ersten Tag begeistert: „Also hier gefällt es mir wirklich gut. Bei uns in der Schule lernen wir vor allem mit PowerPoint-Präsentationen und füllen Arbeitsblätter aus. In der Erle lernt man durchs Tun.“

Beeindruckend war auch zu sehen, wie unterschiedlich sich Entwicklung entfalten darf: Ein siebenjähriger Junge rechnete bereits sicher im Tausenderraum – ohne vom Lehrplan ausgebremst zu werden. Gleichzeitig war es selbstverständlich, dass ein anderes Kind erst mit zehn Jahren flüssig lesen lernte. Woher nehmen wir eigentlich die Vorstellung, dass Entwicklung für alle gleich ablaufen muss? Jede Mutter, die ihr Baby mit Geschwistern vergleicht, weiß, wie individuell dieser Weg ist.

Ein weiterer Schatz, den ich dort erleben durfte, war die Kraft einer kleinen, wohlwollenden Gemeinschaft. Kinder, Eltern und Lernbegleiter bildeten ein Geflecht, das Vertrauen, Zugehörigkeit und gegenseitige Unterstützung ermöglichte – fast so, wie es einst in einem Dorf selbstverständlich war. Etwas, das viele von uns heute nicht mehr kennen und doch zutiefst vermissen.

Natürlich ist auch dieses Modell nicht perfekt – und nicht jedes Kind oder jede Familie wird sich darin wiederfinden. Doch für mich wurde klar: Ja, es geht anders. Kinder dürfen in einem Umfeld wachsen, das ihnen zutraut, dass Entwicklung Zeit hat – und das zugleich Geborgenheit in einer Gemeinschaft schenkt.


Die zentrale Erkenntnis aus diesen Monaten ist klar: Wir müssen uns nicht mit dem Ist-Zustand zufriedengeben. Wir dürfen gestalten, Neues wagen, und unserem inneren Kompass vertrauen.